{"id":3647,"date":"2023-05-03T14:34:52","date_gmt":"2023-05-03T12:34:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.igs-nienburg-e.eu\/Zeitung\/?p=3647"},"modified":"2023-05-03T14:34:52","modified_gmt":"2023-05-03T12:34:52","slug":"eiszapfen-in-der-tiefe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.igs-nienburg-e.eu\/blaetterwald\/2023\/05\/03\/eiszapfen-in-der-tiefe\/","title":{"rendered":"Eiszapfen in der Tiefe"},"content":{"rendered":"<p>Winter. 4 Grad. Eisesk\u00e4lte; und ich laufe auf der Stra\u00dfe herum. Es ist bereits Mitternacht. Nur noch der Klang meiner St\u00f6ckelschuhe ert\u00f6nt auf dem Asphalt. Nichts au\u00dfer mir bewegt sich mehr auf den Stra\u00dfen; dachte ich jedenfalls. Kurz nach diesem Gedanken konnte ich eine Unruhe in mir sp\u00fcren. Auf einmal wirkten die Stra\u00dfen nicht mehr sicher. Und Stopp. Ein Kalter Gegenstand befand sich in meinem Nacken. \u201eSchicksal nimm deinen Lauf.\u201c Eine raue, kratzige M\u00e4nnerstimme dran in mein Ohr und ohne jeden Kontext wusste ich, wer hinter mir Stand und welcher Gegenstand sich in meinem Nacken befand. Doch bevor ich weiter denken konnte, bewahrheitete sich mein Verdacht. Ich h\u00f6rte wie er die Waffe entsicherte. Ich atmete laut. Er konnte es h\u00f6ren; ich war mir sicher, dass er es h\u00f6ren konnte. Eine Tr\u00e4ne floss mir die Wange hinunter und mein Herz pochte so laut, dass ich anfing zu glauben, dass er es ebenfalls h\u00f6ren konnte. Ich zwang mich zu einem L\u00e4cheln, w\u00e4hrend mir die zweite Tr\u00e4ne in den Augen brannte. \u201eJenes Schicksal ist besser als jenes, das uns im Kloster erwartet.\u201c Ein raues schweres Lachen stie\u00df er aus. \u201eAch glaub mir, das wird noch viel besser.\u201c Ver\u00e4ngstigt starrte ich auf den leeren Weg vor mir. Alles geschieht im Sekundentakt. \u201eWas meinst d\u2026\u201c <i>Licht aus. <\/i>Ich falle; und das immer weiter. Langsam erscheint ein schwaches Licht, und\u2026. PLATSCH! Ich liege auf einer Art Glasoberfl\u00e4che. Sie f\u00fchlt sich kalt an. So kalt. Ich versuche mich zu bewegen. Ich versuche aufzustehen, doch es scheint, als sei ich \u00a0gel\u00e4hmt; als w\u00e4re ich fest getackert an der Oberfl\u00e4che, die sich wie gefrorenes Wasser anf\u00fchlt.<\/p>\n<p>Aus dem Augenwinkel kann ich erkennen, dass meine Haut einen eigenartigen Gr\u00fcnton annimmt. Auch meine Adern ver\u00e4ndern ihre Farbe schnell; schneller noch als meine Haut. Das leuchtende Rot meiner Adern spiegelt sich nun sogar in der scheinbar unendlichen, schwarzen Leere, die sich anstelle des Himmels \u00fcber mir befindet. Eine schwarze Gestalt dr\u00e4ngt sich in meinen Augenwinkel und fl\u00fcstert nach einer Weile: \u201eDu hast lange durchgehalten. Ich h\u00e4tte dich schon fr\u00fcher erwartet.\u201c Ich h\u00f6rte durch den Klang ihrer Schuhe die Gestalt n\u00e4her treten, doch durch die K\u00e4lte entstanden, als sie sprach, so viele Nebelschwaden, dass ich nur ihre pinken Pumps erblicken konnte. Nun sp\u00fcrte ich, wie ich \u00fcber den furchtbar kalten Boden geschliffen wurde. Ich wusste nicht, was ich tun sollte und ich konnte nicht sagen, was ich jetzt tun w\u00fcrde, k\u00f6nnte ich mich bewegen. Ich sp\u00fcrte, wie mir wieder eine Tr\u00e4ne die Wange runterfloss und kurz danach konnte ich ein Knacken h\u00f6ren. Es ert\u00f6nte unmittelbar unter mir. \u201eDu widerwertiges Wechselbalg! Du dreckiger Lump! Du\u2026 du verachtenswertes ..Balg! Was hast du getan? Ist dir Klar was du getan hast? Bleib blo\u00df liegen!\u201c Tausende, kleine Risse erschienen auf dem Boden und eine Art Qualm drang durch sie hindurch. Die Risse begannen zu leuchten und gaben seltsame Ger\u00e4usche von sich; schrill, monoton, elektronisch, laut, ver\u00e4ngstigend. Eine Art immer lauter werdende Sirenen ert\u00f6nen immer und immer wieder. Der Qualm l\u00e4sst die Umgebung erhitzen; sie verbrennt geradezu. Die Dame in den pinken Pumps war v\u00f6llig au\u00dfer sich. Voller Panik rannte sie erst nach links, dann nach rechts und schlie\u00dflich wieder nach links. Aufgebracht murmelte sie: \u201eOh Herr, Oh Herr, ich bitte dich! Lass es nicht zu! H\u00f6rst du nicht?\u201c \u201eTu mir das nicht an!\u201c, schrie sie. Sie schrie und rannte davon. Meinen bewegungsunf\u00e4higen K\u00f6rper lie\u00df sie einfach liegen. Eine hohe Stimme war zu h\u00f6ren. Erst ganz leise, doch mit jedem Mal wurde sie lauter und wiederholte immer wieder das gleichen Wort: &#8222;Renn!&#8220; Mittlerweile bestand die Glaskuppel auch nur noch aus kleinen Rissen, die von Licht durchflutet wurden.<\/p>\n<p>Ich hielt kurz inne. &#8222;<i>Renn<\/i>&#8222;? Ich l\u00f6ste mich aus der Starre. Es brannte. Ich erlitt einen schmerzhaften, stichartigen Schmerz, der sich anf\u00fchlte, als w\u00fcrde ich meinen R\u00fccken von gl\u00fchenden Kohlen l\u00f6sen. Es tat nicht nur weh, sondern war auch anstrengend. Zwischendurch spielte ich mit den Gedanken, wieder aufzuh\u00f6ren. Ich h\u00e4tte es auch fast getan, w\u00e4re da nicht diese Stimme gewesen. Ihre hohen T\u00f6ne waren unertr\u00e4glich grell. Sie wurden mit jedem Mal lauter. Nun fing ich an, mich langsam aufzurichten. Als ich einen festen Stand erlangte, war ich \u00fcberaus erleichtert und auch von Schmerz erf\u00fcllt. Qualvoll trat das das Blut aus meinen Adern. Keine Zeit, keine Zeit hatte ich. Weg! So schnell wie m\u00f6glich musste ich hier weg! Gerade wollte ich fl\u00fcchten. Ich drehte mich um die eigene Achse, doch dann blickte ich an mir hinunter. Ungl\u00e4ubig starrte ich auf den Boden. Dort wo ich zuvor gelegen hatte, klebte nun eine braune Schicht. Sie sah aus wie.. Nein. Das konnte nicht sein. Mir wurde schwarz vor Augen und langsam ertastete ich meinen R\u00fccken herauf. Pl\u00f6tzlich blieb mir die Luft weg. Ich schnappte nach Luft. Mein R\u00fccken\u2026 er war.. Meine Rippen.. ich konnte sie\u2026. ich konnte sie.. oh schei\u00dfe.. mein Blut rann durch meine Finger. Ich sah das Blut \u00fcber mein R\u00fcckenmark laufen, dass an der eisigen Oberfl\u00e4che klebte. Ich schrie, doch ich vergas die Risse; die Abermillionen kleinen Risse unmittelbar unter meinen F\u00fc\u00dfen. Der Boden fing pl\u00f6tzlich an zu wackeln. Durch meine unpraktische Schuhwahl f\u00fcr den Abend fiel ich wieder zu Boden. Er war genau so kalt wie zuvor gewesen; und genau wie zuvor konnte ich mich nicht mehr bewegen. Zu meinem Nachteil r\u00fcttelte sich aber diesmal die ganz Leere mit den leuchtenden Rissen. Ich wurde so doll gesch\u00fcttelt, dass ich mich ohne k\u00f6rperliche Anstrengung \u00fcber den kompletten Boden rollte. Es war schmerzhafter als je zu vor. Solch einer Intensit\u00e4t war ich mir noch nie zu vor bewusst. Sp\u00fcren konnte ich es, wie jede Hautschicht und die mit ihr verbundenen Nerven einzeln abgerissen wurde. Auf dem Schwarz konnte ich die \u00dcberbleibsel meiner Haut ersehen. Auch mein Blut akzentuierte gemeinsam mit ein paar meiner Rippen die Glasoberfl\u00e4che.<\/p>\n<p>\u2026Kritsch! Es geschah. Ich versank im Untergrund. An der Stelle, in der Ich einriss, zersplitterte der Boden. Sie waren \u00fcberall! Jede stelle an meinem K\u00f6rper, die noch mit Haut \u00fcberzogen war, wurde von Stacheln durchbohrt, dessen Konsistenz an angespitzte Eiszapfen erinnerten, die nicht schmolzen und nach Kleingeld rochen. Der herbe Gestank wirkte stark; er bet\u00e4ubte mich fast. Sie befanden sich \u00fcberall. Ich fiel nicht weiter. Das R\u00fctteln hatte aufgeh\u00f6rt, doch als ich es realisierte, stand Eugen vor mir. Mein Mund war gefroren. Sprechen war unm\u00f6glich. Er sah mich nur an. Er blickte an mir auf. Er blickte an mir herab. \u00a0Er riss die Augen leicht auf, als er meinen verst\u00fcmmelten, aufgespie\u00dften K\u00f6rper betrachtete; und doch l\u00e4chelte er. <i>Dieser ekelhafte Mistkerl<\/i>. Er sagte etwas, doch ich verstand ihn nicht. Es h\u00f6rte sich japanisch an. Er gestikulierte wild mit den H\u00e4nden. Im Hintergrund entstanden blaue H\u00fchner, die meinen Namen fl\u00fcsterten. Eine gelbe Ratte bewarf den Mistkerl mit einem rotem Eiszapfen. Die grelle Stimme summte erneut im Hintergrund. Er sprach lauter, doch ich verstand ihn immer noch nicht. Das Federvieh fl\u00fcsterte laut in Harmonie mit der schrillen Stimme; sie h\u00f6rten sich gemeinsam an wie der Song <em>The Beutyful <\/em><em>People\u00a0<\/em>von Marilyn Manson an. Der Schmerz, der einerseits von der Verst\u00fcmmelung meines verrottenden K\u00f6rpers und andererseits von der K\u00e4lte kommt ist fast vergessen. Meine Aufmerksamkeit geb\u00fchrt nur noch den schreienden farbwechselnden H\u00fchnern und ihrer Showeinlage. Allerdings st\u00f6rt es mich, dass sie meinen Lieblingssong alle 7 Sekunden stoppen und dann erneut anfangen. <em>Das ist echt nervig! So nervig wie an einem Montag nach den Ferien wieder fr\u00fch aufzustehen, wenn der Wecker\u2026 <\/em>Meine Gedanken hielten inne.<em> Wecker\u2026? Nein. Nein, warte. <\/em>Pl\u00f6tzlich sah ich mich. Ich sa\u00df auf einem Stuhl an meinem Schreibtisch. Es ist 6.00 Uhr in der Fr\u00fch. Ich sitze zwischen tausenden von Lernzetteln, die nun wahrscheinlich unbrauchbar sind. <i>Wie konnte ein Mensch nur so viel sabbern? <\/i>Ich \u00f6ffnete ein Auge, dann das Zweite. Mein Mund war v\u00f6llig trocken. Ich hatte bestimmt nicht mal drei Stunden geschlafen, doch in meinem See aus Speichel k\u00f6nnten Entchen baden gehen. <i>Ich w\u00fcrde so gern wieder schlafen gehen, doch meine Arbeit l\u00e4sst es nicht zu!<\/i> Ich bin \u00fcberm\u00fcdet. Ich bin ausgelaugt. Vielleicht w\u00fcnschte ich mir ja gerade sogar, dass mein verst\u00f6render Traum war gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bild von Caprice Estelle Huly selbst entworfen, enth\u00e4lt CC-Lizenz<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Winter. 4 Grad. Eisesk\u00e4lte; und ich laufe auf der Stra\u00dfe herum. Es ist bereits Mitternacht. 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